Hannoversche Allgemeine Zeitung vom 2. 2. 2011

Protest gegen Stellenabbau bei Alstom

2500 Teilnehmer bei Kundgebung in Salzgitter / McAllister lädt Konzernchef Kron zu Gespräch über Standort ein

Salzgitter/Hannover. Rund 2500 Menschen haben am Mittwoch in Salzgitter gegen den drohenden Stellenabbau beim Bahntechnikunternehmen Alstom Transport protestiert. Das Management des französischen Konzerns in Paris wolle „den Standort Salzgitter ausbluten lassen” sagte IG-Metall-Bezirksleiter Hartmut Meine. Unterdessen hat sich auch Niedersachsens Ministerpräsident David McAllister (CDU) eingeschaltet, um die Belegschaft bei der Sicherung des Werks in Salzgitter und von Arbeitsplätzen zu unterstützen.

Der Regierungschef hat Alstom-Chef Patrick Kron zu einem Gespräch eingeladen. Dieses soll möglichst vor der nächsten Sitzung des europäischen Alstom-Betriebsrates am 23. Februar stattfinden, auf der Kron die künftige Strategie der Transportsparte vorstellen will.
Der Konzern reagierte gestern allerdings reserviert auf McAllisters Angebot und ließ offen, ob das Treffen zustande kommt: „Alstom wird gemeinsam mit dem Betriebsrat an einer Lösung arbeiten, um den Standort Salzgitter wieder wettbewerbsfähig zu machen” sagte dazu ein Sprecher. Man werde „zu gegebener Zeit” auch mit anderen Parteien sprechen. Alstom werde McAllister „eine Antwort zukommen lassen”.
Betriebsrat und IG Metall befürchten, dass Alstom wegen rückläufiger Auftragseingänge und mangelnder Profitabilität in Salzgitter bis zu 1400 von 2800 Stellen streichen werde. Das Unternehmen hat bestätigt, dass über einen Stellenabbau nachgedacht werde – nennt bisher aber keine Zahlen. „Der Standort konnte in den vergangenen fünf Jahren nicht kostendeckend Schienenfahrzeuge herstellen” erklärte Alstom. Deutschland sei für Alstom ein sehr wichtiger Markt, „in dem wir langjährige vertrauensvolle Kundenbeziehungen pflegen, die wir auch in Zukunft weiter ausbauen möchten.” Man könne aber nur dann erfolgreich an Ausschreibungen für Schienenfahrzeuge teilnehmen, wenn der Standort „gewinnbringend” produziere.

IG-Metall-Bezirkschef Meine bezeichnete die Behauptung, das Unternehmen leide unter einer schwachen Auftragslage, als „erlogen”. Andere Firmen der Branche registrierten einen Boom, betonte er. Die Arbeitnehmer und ihre Vertreter richteten sich auf weitere Proteste ein: „Wer sich so verhält, bekommt es mit uns zu tun.” Scharfe Kritik an Alstom äußerte auch Salzgitters Oberbürgermeister Frank Klingebiel (CDU): „Diese Unternehmenspolitik kann nur als menschenverachtend betrachtet werden.”

Der Betriebsratsvorsitzende von Alstom in Salzgitter, Bernd Eberle, zeichnete ein düsteres Bild für die Zukunft des Werks: Er rechne unter anderem damit, dass Alstom in Salzgitter nicht mehr ausbilden wolle. Besonders kritisch sehe er eine eventuelle Verlagerung des Vertriebs nach Berlin: „Was soll denn aus diesem Standort werden, wenn die Leute, die uns die Aufträge hereinholen, weggehen?”

Von Jens Krone und Dirk Stelzl

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Hannoversche Allgemeine Zeitung vom 2. 2. 2011

Alstom in Salzgitter droht Kahlschlag

Betriebsrat sieht bei dem Schienenfahrzeughersteller bis zu 1400 Jobs in Gefahr

Hannover. Bei dem Bahntechnikunternehmen Alstom Transport (fru?her Alstom LHB) in Salzgitter droht offenbar ein drastischer Stellenabbau. Nach Angaben des Betriebsrates und der IG Metall bereitet die Firma Massenentlassungen vor. Die „ziemlich offen laufenden Vorbereitungen” deuteten darauf hin, dass die Belegschaft halbiert werden solle. Dies wu?rde bedeuten, dass bis zu 1400 Arbeitsplätze gefährdet wären.

Der französische Konzern wies solche Befu?rchtungen gestern zuru?ck, bestätigte allerdings, dass das Management auch u?ber „mögliche Stellenreduzierungen” nachdenke. Bisher habe man daru?ber noch keine Entscheidungen getroffen. Wie hoch ein Arbeitsplatzabbau ausfallen könnte, wollte ein Alstom- Sprecher nicht beziffern. „Über Zahlen wollen wir nicht spekulieren.” In dem Werk in Salzgitter sind rund 2800 Mitarbeiter beschäftigt, darunter 270 Zeitarbeiter und befristet Beschäftigte.

„Es ist klar, dass wir zu wenig profitabel sind” sagte der Firmensprecher. Dank fru?her an Land gezogener Aufträge sei die Auslastung des Werks noch recht gut. Da die Auftragseingänge seit einiger Zeit ru?ckläufig seien, zeichne sich aber ein „Auslastungsthema” ab, wenn nicht neue Bestellungen kämen. Das Management pru?fe Wege, um die Profitabilität zu verbessern.

Nach Auskunft des Betriebsrates ist schon länger absehbar, dass die Produktionsstätte Ende dieses Jahres oder Anfang 2012 ein Auslastungsproblem haben werde. Schon jetzt schreibe die Alstom Transport Deutschland GmbH Verluste, hieß es. Seit März 2010 hätten die Arbeitnehmer in Verhandlungen versucht, mit der Geschäftsfu?hrung eine Vereinbarung zu treffen, wie man die Wettbewerbsfähigkeit des Standortes etwa durch verbesserte Abläufe, aber auch durch Beiträge der Mitarbeiter sichern könne. Bei den Gesprächen habe man „tragfähige Ergebnisse” erzielt, betonte der Betriebsrat. „Die Geschäftsfu?hrung jedoch erklärte immer am Ende der Verhandlungen, nicht die Genehmigung des Konzerns zur Unterschrift zu haben.”

Alstom-Chef Patrick Kron habe angeku?ndigt, bei einer Sitzung des europäischen Betriebsrates von 23. bis 25. Februar die ku?nftige Strategie der Transportsparte vorzustellen. Die Pläne des Unternehmens sehen dem Betriebsrat zufolge auch vor, die Kapazitäten in Salzgitter drastisch zu verringern und den Rohbau von Schienenfahrzeugen nach Polen zu verlagern.

Die Arbeitnehmervertreter sind bereit, den Konzern bei einem Umbau der Sparte zu unterstu?tzen. Sie verlangen aber Garantien fu?r den Standort Salzgitter sowie den Ausschluss betriebsbedingter Ku?ndigungen. Auf einer öffentlichen Betriebsversammlung und mit einem Demonstrationszug in der Innenstadt von Salzgitter-Lebenstedt wollen die Beschäftigten am 9. Februar ihren Forderungen Nachdruck verleihen. Als Redner sind Betriebsratschef Bernd Eberle und IG-Metall-Bezirksleiter Hartmut Meine angeku?ndigt. Der Betriebsrat kritisierte, dass das Werk in den vergangenen Jahren häufig umstrukturiert worden sei und dies „nicht gefruchtet” habe. Zuletzt hat es verschiedene Änderungen in der Geschäftsfu?hrung gegeben. Vor einigen Monaten hatte der Alstom-Konzern mitgeteilt, dass in seiner Sparte „Power” (Kraftwerksbau) 4000 Stellen wegfallen sollten, unter anderem in Deutschland.

Von Dirk Stelzl

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Rheinpfalz_2010-01-26

Bremse für Personalachterbahn

Hintergrund: Gespräche über weltweiten Stellenabbau beim Industriekonzern Alstom vor Abschluss

Von Klaus Hofter  

MANNHEIM. Für die Beschäftigten des französischen Industriekonzerns Alstom ist der 7. Februar ein wichtiges Datum. Möglicherweise verständigen sich Unter­nehmens­leitung und der europäische Metallgewerkschaftsbund dann auf eine Vereinbarung in der Debatte um den von der Pariser Konzernspitze gewünschten Abbau von 4000 Stellen. Wo sich beide Seiten treffen werden, ist allerdings noch offen.

Aus Betriebsratssicht stehen die Verhandlungen kurz vorm Abschluss. Strittig sei nur eine Formulierung, sagt Vorsitzender Udo Belz. Aus Arbeitnehmerwarte aber eine der wichtigsten des Papiers: Verpflichtet sich die Unternehmensleitung, keine betriebsbedingten Kündigungen auszusprechen oder gesteht sie nur zu, auf diese nach Möglichkeit zu verzichten? Für Belz ist klar: „Betriebsbedingte Kündigungen sind mit mir nicht machbar.”

Mit niedrigen Auftragseingängen im Kraftwerksbereich hatte Alstom im Oktober den Einschnitt beim Kraftwerksbereich Alstom Power begründet. Weltweit sollen 4000 Stellen gestrichen werden. Auf die deutschen Standorte mit zusammen 4700 Mitarbeitern im Kraftwerksbereich sollen etwa 650 Stellen entfallen. In Mannheim, dem Hauptsitz des Geschäftsbereichs Alstom Power in Deutschland, sollen es 470 Stellen sein. Im Werk im Stadtteil Käfertal, wo rund 2200 Mitarbeiter beschäftigt sind, werden Gas- und Dampfturbinen hergestellt. Zum Kraftwerksbereich Alstom Power gehört auch die Turbinenschaufelproduktion im saarländischen Bexbach mit rund 240 Beschäftigten.

Von Beginn an hatten Arbeitnehmervertreter gefordert, beim Personalabbau auf betriebsbedingte Kündigungen zu verzichten und andere Instrumente wie Kurzarbeit, Arbeitszeitkürzungen oder Vorruhestandsregelungen zu prüfen. Eine entsprechende frühere Zusage des Konzerns, die Ende November ausläuft, soll bis 2015 verlängert werden. Udo Belz, der der Arbeitnehmervertretung in Mannheim sowie auf deutscher und europäischer Ebene vorsitzt, ist sicher, dass der Markt sich erholt und Alstom dann qualifiziertes Personal braucht. Aufträge erwartet Belz gerade bei Gaskraftwerken.

Die Kritik der Arbeitnehmer entzündet sich indes nicht nur an den „strategielosen Abbau-Plänen”, wie es Gewerkschaft und Betriebsräte formuliert hatten. Die Führungsstrukturen im Konzern seien zentralistisch und unflexibel, Produkte zu spät weiterentwickelt und in die Forschung sowie Prozess-Optimierung zu wenig investiert worden. Zwar verfüge Alstom Power derzeit über einen hohen Auftragsbestand. Jedoch treffe den Kraftwerksbauer die Krise zeitverzögert. „Wir bauen jetzt das, was vor drei bis fünf Jahren geplant wurde”, sagt Betriebsratsvorsitzender Belz. Umso mehr setzten die Arbeitnehmer in Sachen Wettbewerbsfähigkeit auf Anlagen für erneuerbare Energien.

Missmanagement, so hatten Betriebsräte und IG Metall schon im Oktober kritisiert, sei für die Krise des Unternehmens verantwortlich. Alstom habe in den vergangenen zehn Jahren in Krisensituationen Personal abgebaut und in den folgenden Aufschwungphasen wieder eingestellt. Diese Personalachterbahn habe den Konzern viel Geld gekostet. Auch habe es Alstom versäumt, die Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern. Für Betriebsrat und Gewerkschaft ist dies „organisierte Verantwortungslosigkeit”. Auf Drängen des Betriebsrats erstellen nun zwei Institute ein Gutachten über die Marktsituation im Kraftwerksbereich und die Wettbewerbsfähigkeit von Alstom. Ergebnisse sollen noch im ersten Quartal vorliegen.

Wenn am 7. Februar möglicherweise die Schlussphase der Verhandlungen beginnt, sitzt der Betriebsrat allerdings nicht mit am Verhandlungstisch. Da Betriebsräte auf europäischer Ebene nach dem juristischen Verständnis der Metaller keine Vereinbarung abschließen könnten, sind die Metallgewerkschaften Gesprächspartner der Alstom-Unternehmensleitung. Kommen beide Seiten zum Kompromiss, ist der noch nicht bindend. Erst müssten die im Europäischen Metallgewerkschaftsbund zusammengeschlossenen Einzelgewerkschaften dem Papier ausnahmslos zustimmen. Zumindest alle Metall-Gewerkschaften aus den Ländern mit Alstom-Standorten.

Ein einmütiges Votum ist jedoch alles andere als sicher. Nach Einschätzung von Belz ist nicht auszuschließen, dass Gewerkschaften aus den südlichen Nachbarländern ein Veto einlegen.

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Alstom: Februar könnte Monat der Wahrheit werden /
Streit um Rahmenbedingungen für Stellenabbau dauert an

Betriebsrat will Sparkonzept noch nicht unterschreiben

Von unserem Redaktionsmitglied Matthias Kros

PARIS/MANNHEIM. Für die rund 2300 Mitarbeiter im Mannheimer Alstom-Werk geht das bange Warten vorerst weiter: Management und europäischer Betriebsrat konnten sich gestern in Paris nicht abschließend auf Rahmenbedingungen für den bevorstehenden Stellenabbau einigen. „Es gibt noch keine Unterschrift”, sagte Udo Belz, Chef der Arbeitnehmer­organisation, im Anschluss an das Treffen. „Wir sind bei einzelnen Formulierungen nicht einig”. Knackpunkt sei nach wie vor die Möglichkeit von betriebsbedingten Kündigungen.

Auswirkungen weiter unklar

Einigkeit besteht lediglich insofern, dass es weder Standortschließungen noch Personalabbau geben wird, bevor nicht Maßnahmen wie Kurzarbeit, Arbeitszeitverkürzungen oder ein Lastenausgleich zwischen den europäischen Standorten geprüft wurden. In Mannheim sind betriebs­bedingte Kündigungen ohnehin noch bis zum Herbst dieses Jahres ausgeschlossen. Man werde sich nun Anfang Februar erneut treffen, um die Streitigkeiten auszuräumen, so Belz.

Alstom hatte bereits im Oktober vergangenen Jahres mitgeteilt, wegen der schlechten Geschäftslage in seiner Energiesparte weltweit 4000 Arbeitsplätze streichen zu wollen. In welchem Maße der Standort Mannheim, wo unter anderem Turbinen zur Stromerzeugung gebaut werden, davon betroffen sein wird, ist noch nicht klar. Laut interner Papiere aus Paris sind dort bis zu 500 Stellen bedroht.

Die Verhandlungen darüber sind aber noch nicht aufgenommen. Zunächst soll ein vom Betriebsrat in Auftrag gegebenes Gutachten Aufschluss darüber bringen, ob für den geplanten Stellenabbau wirtschaftliche oder strukturelle Gründe verantwortlich sind. „Mit Ergebnissen rechnen wir Ende Februar”, sagte Belz gestern. Erst danach werde man über Standorte reden und schließlich auf nationaler Ebene Verhandlungen einleiten.

Mannheimer Morgen,18. Januar 2011

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