Rheinpfalz_2010-01-26

Bremse für Personalachterbahn

Hintergrund: Gespräche über weltweiten Stellenabbau beim Industriekonzern Alstom vor Abschluss

Von Klaus Hofter  

MANNHEIM. Für die Beschäftigten des französischen Industriekonzerns Alstom ist der 7. Februar ein wichtiges Datum. Möglicherweise verständigen sich Unter­nehmens­leitung und der europäische Metallgewerkschaftsbund dann auf eine Vereinbarung in der Debatte um den von der Pariser Konzernspitze gewünschten Abbau von 4000 Stellen. Wo sich beide Seiten treffen werden, ist allerdings noch offen.

Aus Betriebsratssicht stehen die Verhandlungen kurz vorm Abschluss. Strittig sei nur eine Formulierung, sagt Vorsitzender Udo Belz. Aus Arbeitnehmerwarte aber eine der wichtigsten des Papiers: Verpflichtet sich die Unternehmensleitung, keine betriebsbedingten Kündigungen auszusprechen oder gesteht sie nur zu, auf diese nach Möglichkeit zu verzichten? Für Belz ist klar: „Betriebsbedingte Kündigungen sind mit mir nicht machbar.”

Mit niedrigen Auftragseingängen im Kraftwerksbereich hatte Alstom im Oktober den Einschnitt beim Kraftwerksbereich Alstom Power begründet. Weltweit sollen 4000 Stellen gestrichen werden. Auf die deutschen Standorte mit zusammen 4700 Mitarbeitern im Kraftwerksbereich sollen etwa 650 Stellen entfallen. In Mannheim, dem Hauptsitz des Geschäftsbereichs Alstom Power in Deutschland, sollen es 470 Stellen sein. Im Werk im Stadtteil Käfertal, wo rund 2200 Mitarbeiter beschäftigt sind, werden Gas- und Dampfturbinen hergestellt. Zum Kraftwerksbereich Alstom Power gehört auch die Turbinenschaufelproduktion im saarländischen Bexbach mit rund 240 Beschäftigten.

Von Beginn an hatten Arbeitnehmervertreter gefordert, beim Personalabbau auf betriebsbedingte Kündigungen zu verzichten und andere Instrumente wie Kurzarbeit, Arbeitszeitkürzungen oder Vorruhestandsregelungen zu prüfen. Eine entsprechende frühere Zusage des Konzerns, die Ende November ausläuft, soll bis 2015 verlängert werden. Udo Belz, der der Arbeitnehmervertretung in Mannheim sowie auf deutscher und europäischer Ebene vorsitzt, ist sicher, dass der Markt sich erholt und Alstom dann qualifiziertes Personal braucht. Aufträge erwartet Belz gerade bei Gaskraftwerken.

Die Kritik der Arbeitnehmer entzündet sich indes nicht nur an den „strategielosen Abbau-Plänen”, wie es Gewerkschaft und Betriebsräte formuliert hatten. Die Führungsstrukturen im Konzern seien zentralistisch und unflexibel, Produkte zu spät weiterentwickelt und in die Forschung sowie Prozess-Optimierung zu wenig investiert worden. Zwar verfüge Alstom Power derzeit über einen hohen Auftragsbestand. Jedoch treffe den Kraftwerksbauer die Krise zeitverzögert. „Wir bauen jetzt das, was vor drei bis fünf Jahren geplant wurde”, sagt Betriebsratsvorsitzender Belz. Umso mehr setzten die Arbeitnehmer in Sachen Wettbewerbsfähigkeit auf Anlagen für erneuerbare Energien.

Missmanagement, so hatten Betriebsräte und IG Metall schon im Oktober kritisiert, sei für die Krise des Unternehmens verantwortlich. Alstom habe in den vergangenen zehn Jahren in Krisensituationen Personal abgebaut und in den folgenden Aufschwungphasen wieder eingestellt. Diese Personalachterbahn habe den Konzern viel Geld gekostet. Auch habe es Alstom versäumt, die Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern. Für Betriebsrat und Gewerkschaft ist dies „organisierte Verantwortungslosigkeit”. Auf Drängen des Betriebsrats erstellen nun zwei Institute ein Gutachten über die Marktsituation im Kraftwerksbereich und die Wettbewerbsfähigkeit von Alstom. Ergebnisse sollen noch im ersten Quartal vorliegen.

Wenn am 7. Februar möglicherweise die Schlussphase der Verhandlungen beginnt, sitzt der Betriebsrat allerdings nicht mit am Verhandlungstisch. Da Betriebsräte auf europäischer Ebene nach dem juristischen Verständnis der Metaller keine Vereinbarung abschließen könnten, sind die Metallgewerkschaften Gesprächspartner der Alstom-Unternehmensleitung. Kommen beide Seiten zum Kompromiss, ist der noch nicht bindend. Erst müssten die im Europäischen Metallgewerkschaftsbund zusammengeschlossenen Einzelgewerkschaften dem Papier ausnahmslos zustimmen. Zumindest alle Metall-Gewerkschaften aus den Ländern mit Alstom-Standorten.

Ein einmütiges Votum ist jedoch alles andere als sicher. Nach Einschätzung von Belz ist nicht auszuschließen, dass Gewerkschaften aus den südlichen Nachbarländern ein Veto einlegen.

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